Mike Külpmann von der WDR Lokalzeit Südwestfalen hat mich letztlich beim Schriftdolmetschen begleitet. Und Michaela Padberg hat mich im Anschluss interviewt.

Hier ist der Beitrag „Schriftdolmetscherin für Hörgeschädigte“ und das „Studiogespräch: Anja Rau, Schriftdolmetscherin“. Leider ist die Sendung in der ARD Mediathek ohne Untertitel. Darum habe ich den Beitrag und das Interview transkribiert. Das Transkript findet Ihr weiter unten auf dieser Seite.
Schriftdolmetschen beim Arzt …
Den ersten Einsatz des Tages haben wir nachgestellt: Schriftdolmetschen beim Arzt. Schriftdolmetscher-Einsätze sind in aller Regel vertraulich und gerade beim Arzt ist es meistens so eng und hektisch, dass man da nicht mit einem Film-Team ankommen kann. Und überhaupt geht es in einem echten Einsatz ja nicht um mich, sondern um die Person, für die ich schreibe. Ich bleibe da schön im Hintergrund.
Hier sieht man es gut: Arzt und Patient sind im Gespräch unter sich. Die Schriftdolmetscherin sitzt etwas abseits, aber mit Blick auf den Nutzer. So kann ich an der Mimik erkennen, falls etwas nicht passt, und direkt reagieren.
Beim Arzt oder auf einem Amt habe ich nur die Minimal-Ausstattung dabei: Das Tablet für den Nutzer, mein Laptop zum Schreiben – und mein Stativ, sodass ich vor Ort nur noch einen Stuhl brauche. Damit bin ich auch mobil, wenn es vom Wartezimmer ins Sprechzimmer und von dort ins Labor und wieder zurück geht.
… oder auf Events
Der zweite Einsatz, der in dem Beitrag zu sehen ist, war „echt“: Eine barrierefreie Lesung mit Musik von Elijah Presly, im LŸZ Siegen, organisiert von Der Paritätische Kreise Siegen-Wittgenstein / Olpe, dem Behindertenbeauftragten des Kreises Siegen-Wittgenstein, dem Verein Inklusive Begegnungen und Invema e.V. Bei solchen Veranstaltungen reicht die Minimal-Ausstattung nicht aus, da braucht es schonmal den großen Rollkoffer.
Schriftdolmetscher*innen arbeiten meist zu zweit. Weil der Regie-Raum im LŸZ so eng ist, hatte ich meinen lieben Kollegen Alexander Kurch an dem Abend online zugeschaltet.
Die Online-Zuschaltung nutzen wir öfters, denn so können wir auch Termine an Orten besetzen, wo keine zwei Schriftdolmetscher*innen zur Verfügung stehen.
Bei einem Event-Einsatz stehen schnell mal drei Rechner auf dem Tisch: Einer zum Arbeiten, einer als Quelle für den Beamer, der den Text auf der großen Leinwand anzeigt, und einer für die Tonübertragung bei der Online-Zuschaltung.
Leider hat das Video in der ARD Mediathek keine Untertitel, darum folgt hier das
Transkript der Sendung
(Michaela Padberg) So, gesprochenes Wort in Text umsetzen. Mein erster Impuls: Ja, kann doch mittlerweile locker KI. Aber Anja Rau sagt, nee, nee, ich schalte da mein Hirn ein. Die KI rät stattdessen nur mithilfe von Statistik.
Anja ist Schriftdolmetscherin. Sie übersetzt Gesprochenes in Schrift und zwar simultan für Menschen, die hörgeschädigt oder schwerhörig sind und keine Gebärdensprache können. Aufträge hat sie reichlich und der nächste, der wartet auch schon.
(Sprecher) Anja Rau hat es eilig. Gleich startet im Siegener Kulturhaus Lÿz eine musikalische Lesung und sie ist als Schriftdolmetscherin engagiert. Davon gibt es weniger als 200 in Deutschland. Dabei sind sie für viele hörgeschädigte Menschen enorm wichtig.
(Anja Rau) Die Menschen, die Gebärdensprache sprechen, die erreicht man mit Gebärdensprachdolmetschern. Und die Menschen, die kein Sprachverstehen haben, aber keine Gebärdensprache sprechen, die erreicht man mit Schrift.
(Sprcher) Und Schrift kann sie. Mit bis zu 600 Anschlägen pro Minute tippt sie das, was sie hört, in ein Laptop. Ergänzt durch eine spezielle Spracheingabe. Das Publikum im Saal kann den Text dann fast synchron auf einem großen Bildschirm mitlesen. Während Gebärdendolmetscher vorne stehen, ist das bei Schriftdolmetschern anders.
(Anja Rau) Schriftdolmetscher*innen sitzen meistens hinten in der Ecke, sind eher unsichtbar. Und man sieht irgendwo vielleicht einen Text. Vielleicht sieht man ihn aber auch gar nicht, weil die Person, die es nutzt, alleine ist und ein Tablet nur hat. Und das führt dann auch dazu, dass viele Menschen, die eigentlich ein Recht auf Dolmetscher hätten, gar nicht wissen, dass es diese Leistung und dieses Angebot gibt.
(Sprecher) Das könnten Menschen wie Klaus Büdenbender sein. Er ist schwerhörig, kann aber keine Gebärdensprache. In einer Situation, wie wir sie hier bei einem Arzt nachgestellt haben, würde er von der Hilfe durch Anja Rau profitieren.
(Klaus Büdenbender) Wenn ich die Unterstützung einer Schriftdolmetscherin oder eines Schriftdolmetschers habe, fühle ich mich erleichterter. Da bin ich ruhiger, ich kann mitlesen, ich weiß, worum es geht.
(Sprecher) Für wichtige Termine bei Ärzten, Behörden oder im Beruf übernehmen Kranken- oder Rentenkasse die Kosten für den Dolmetscher. Bei solchen Einzelgesprächen gibt Anja Rau dem Schwerhörigen ihre Übersetzung direkt auf ein Tablet aus. Und macht das anders als eine künstliche Intelligenz.
(Anja Rau) Ich mache es mit Gehirn. Die KI, die spuckt so ein bisschen Wörter aus, die sie aufgrund von Statistik errät. Als Dolmetscherin verstehe ich, was in der Kommunikation passiert und übertrage das auf eine Art und Weise, die die Person, die mitliest, hoffentlich gut verarbeiten kann.
(Sprecher) Zurück im Lÿz gibt Künstler Elijah Presly alles beim Rappen und Dolmetscherin Anja Rau alles beim Tippen. Im 15-Minuten-Takt wechselt sie sich mit einem Kollegen ab, der online zugeschaltet ist. So hoch ist das Konzentrationslevel. Wie fühlt sich das an?
(Anja Rau) Voller Adrenalin. Fast, als hätte man selber auf der Bühne gestanden. Gerappt zu dolmetschen, das haben wir echt selten. Das ist eine Leidenschaft, das macht auch wahnsinnig Spaß. Und wenn es richtig gut läuft, dann ist das ein bisschen wie Meditation. Das fließt dann tatsächlich durch einen durch. Ich bin dann am Ende völlig erledigt, kann mich an nichts mehr erinnern, aber bin auch auf eine Art tiefenentspannt. Das ist ganz cool.
(Sprecher) Ob cool oder tiefenentspannt, Schriftdolmetscherin Anja Rau hat ihren Traumjob gefunden.
(Michaela Padberg) Ja, da muss ich doch direkt mal nachfragen, Frau Rau, wie findet man denn so einen Traumjob?
(Anja Rau) Bei mir war das echt Zufall. Ich habe entspannt auf dem Sofa Spiegel online gescrollt. Da war ein Beitrag über seltene Berufe: heute Schriftdolmetscher. Ich habe das gelesen und gedacht, wow, das ist Sprache, Technik, Arbeit mit Menschen. Und jeden zweiten Tag in ein neues Thema einarbeiten. Und das hat bei mir sofort geklingelt.
(Michaela Padberg) Sie haben aber immer schon mit Sprache zu tun gehabt. Also das war jetzt nicht komplett fremd.
(Anja Rau) Genau, ich habe Englisch und Deutsch auf Lehramt studiert und bin dann so ein bisschen abgebogen. Habe in der Digitalwirtschaft viel mit Technik gearbeitet, wenig mit Menschen. Und in diesem Beruf kommt einfach alles zusammen, was mir auch Freude macht.
(Michaela Padberg) Sie haben eben gesagt, ich schalte mein Hirn ein, KI kann das nicht, aber wird KI das nicht lernen?
(Anja Rau) Ich glaube in dem Maße nicht, denn was wir machen, geht weit über das hinaus, dass wir einfach nur Wörter auf den Bildschirm tippen. Wenn ich dolmetsche, dann verstehe ich, was Person A sagen will und forme das um und gebe das so aus, dass Person B das verarbeiten kann. Wer was wie verarbeiten kann, ist ganz individuell. Manche haben wirklich gerne Wort für Wort alle Ähs, alle Öhs, alle Versprecher. Andere hätten gerne vollständige Sätze mit Punkt und Komma und Haupt- und Nebensätzen. Und so spricht natürlich niemand. Und das lässt sich dann auch ganz schlecht lesen, wenn jemand einfach spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.
(Michaela Padberg) Das heißt, wie sieht die Vorbereitung aus? Sie müssen wissen, wer liest das und Sie müssen die kennen, die sprechen?
(Anja Rau) Genau, ich muss – im Idealfall, kann ich mich vorher mit der Person austauschen, für die ich schreibe und kann nach deren Präferenzen fragen. Bei Langzeitkunden weiß ich das natürlich. Ich schaue, wer spricht. Auf Veranstaltungen schaue ich mir die Leute vorher auf YouTube an. Und ich bereite mich auch ganz intensiv inhaltlich vor, damit ich die ganzen Fachbegriffe kenne und auch weiß, worum es geht.
(Michaela Padberg) Also so ein Job ist dann mit Vorbereitung, Nachbereitung wahrscheinlich wohl – weil, nachher brauchen Sie erstmal Pause, weil Sie sind völlig fertig. Sie haben dieses komische Teil vom Gesicht gehabt. Das heißt, Sie schreiben nicht nur, sondern diktieren auch?
(Anja Rau) Genau, es gibt entweder die Möglichkeit, dass man schreibt relativ schnell mit ein paar Hilfsmitteln. Wir haben so ein Kürzelvokabular. Ich schreibe „vl“ und die Software macht „vielleicht“ daraus. Und es gibt die Möglichkeit zu diktieren in eine Spracherkennung, die ich aber auf meine Stimme trainiere. Da muss ich dann reinsprechen wie ein Roboter, muss vorher auch die Fachbegriffe eintrainieren. Und ich weiß gar nicht, ob man es im Beitrag gesehen hat, zwischendrin immer ganz viel korrigieren, denn auch die besttrainierte Spracherkennung macht einfach wahnsinnig viele Fehler.
(Michaela Padberg) Wie kommen die Menschen zu Ihnen? Also wer kann quasi Sie beauftragen?
(Anja Rau) Also grundsätzlich jeder, zum Beispiel jeder Veranstalter, der gerne möchte, dass er oder sie verstanden wird. Und Menschen mit einer Schwerbehinderung wegen Hörbeeinträchtigungen, die haben ein Recht auf Dolmetscher, auf Kommunikationshilfen und die können mich buchen und abrechnen über einen Kostenträger.
(Michaela Padberg) Wow, spannender Beruf. Mal gucken, wie viele jetzt auch sagen, wow, das ist mein Traumjob, und fangen auch eine Ausbildung an. Vielen Dank für den Einblick, dass wir den bekommen haben. Danke.
(Anja Rau) Ich danke Ihnen.



