Co-Editieren – unser Artikel in TIRO

Vor ein paar Tagen ist in TIRO – The Journal of Professional Reporting and Transcription – ein neuer Artikel erschienen, den ich mit der unermüdlichen Daniela Eichmeyer-Hell schreiben durfte. Thema: Co-Editieren.

Zum Artikel: USER-CENTRED SPEECH-TO-TEXT INTERPRETING: HOW TO ENHANCE THE READABILITY OF LIVE TEXTS

TIRO ist das Open Access Journal der Intersteno, der Internationalen Föderation für Informationsverarbeitung. TIRO veröffentlicht zweimal im Jahr knackig-kurze Beiträge zur Professionalisierung von „speech capturing, speech-to-text reporting and transcription“, worunter im weitesten Sinne auch das Schriftdolmetschen fällt.

Co-Editing ist eine oft unterschätzte Schriftdolmetsch-Strategie, mit der Schriftdolmetsch-Teams die Zuverlässigkeit von Live-Text (also dem Text, den Schriftdolmetscher*innen produzieren) signifikant steigern können. Aber aus großer Macht folgt große Verantwortung und Co-Editieren heißt nicht, dass man wild und großflächig im Text herum korrigiert. Daniela und ich beschreiben, worauf man achten und wie man vorgehen muss, um Co-Editieren sinnvoll einzusetzen.

Der Artikel ist auf Englisch. Ich fasse im Folgenden die Kernaussagen auf Deutsch zusammen.


Das Thema ist grundsätzlich wichtig: Ungefähr 20 % der Menschen in Europa haben Hörschädigungen und gut 80 % davon sind Lautsprach-orientiert, d.h. sie kommunizieren nicht primär mit Gebärdensprache, sondern nutzen einen taktischen Mix aus Resthören, Mundabsehen, Kontext-Wissen, Raten u.a.

Quellen, auch für die statistischen Daten, sind übrigens am Ende des TIRO-Artikels aufgelistet.

Guthörende hören nebenbei. Hörtaktiken zu verwenden, erzeugt dagegen immer einen gewissen Grundstress, den Hörstress, und Hörstress wiederum beeinträchtigt das Hörverstehen und damit die Teilhabe an Kommunikation.

Der Live-Text, den Schriftdolmetscher*innen als Kommunikationshilfen produzieren, kann Hörstress effektiv reduzieren und damit zu Kommunikation auf Augenhöhe beitragen.

Aber in Sprechgeschwindigkeit einen Text zu lesen, erzeugt selbst wieder ein gewisses Maß an mentaler Belastung. Darum müssen wir als Schriftdolmetscher*innen darauf achten, dass unser Live-Text möglichst bequem zu lesen ist.

Wir haben viele Möglichkeiten, um die Lesbarkeit unseres Textes zu steigern: Farbe, Kontrast, Schriftgröße, aber auch das Einhalten der üblichen Rechtschreib- und Zeichensetzungsregeln. Außerdem können wir fließende, teils ungrammatische gesprochene Sprache mit Einschüben in Einschüben, Wiederholungen, Eigen-Korrekturen und Satzabbrüchen beim Schreiben nach den Regeln der Schriftsprache in einen strukturierten Text umformen.

Darum heißt es SchriftDOLMETSCHEN. Aber anders als beim Dolmetschen von einer Lautsprache in eine andere Lautsprache können wir unseren Output, den Live-Text, beim Produzieren direkt kontrollieren und korrigieren. Das geht besonders gut bei der Arbeit im Team („Doppelbesetzung“), wenn die eine schreibt und die andere ergänzt, Lücken füllt (auch Dolmetscher*innen verstehen nicht immer jedes genuschelte Wort im Störschall und aus der zweiten Reihe dolmetscht es sich immer besser) und Fehler (v.a. auch Inhaltsfehler) korrigiert.

Das Problem: Wenn sich der bereits sichtbare Live-Text, den die Nutzer*in vielleicht auch schon gelesen hat, nochmal ändert, erzeugt das sofort zusätzliche kognitive Last.

Der Berufsverband der Schriftdolmetscher*innen Deutschlands e. V. (BSD) hatte im Herbst 2021 zusammen mit dem Deutschen Schwerhörigenbund e. V. (DSB) eine ganz kleine und nicht repräsentative Feldstudie durchgeführt. Die Proband*innen hatten dabei Co-Editing-Maßnahmen sowohl in Bezug auf die Orthografie als auch in Bezug auf die inhaltliche Korrektheit und Vollständigkeit begrüßt. Sie hatten allerdings auch kritisiert,

  • dass alle Eingriffe vor/ oberhalb der laufenden Einfügemarke dazu führen, dass der Text hinter der dem Eingriff „wackelt“, was das Mitlesen erschwert
  • dass die bearbeitete Stelle nach dem Ende der Bearbeitung nicht mehr auffindbar ist und
  • dass der falsche wiedergegebene Inhaltspunkt überschrieben wird, sodass nicht mehr nachvollziehbar ist, welcher Teil des bereits Gelesenen eine Fehlinformation war

Der BSD hatte im Anschluss zwei interne Workshops durchgeführt, um die Ergebnisse zu diskutieren und Ansätze für ein effektives, störungsfreies Co-Editing zu erarbeiten.

Auf Basis der Workshop-Resultate, weiteren Austausches im Kolleg*innen-Kreis und unserer eigenen Berufspraxis haben Daniela Eichmeyer-Hell und ich dann folgende grundsätzliche Vorschläge für professionelles Co-Editing formuliert (es kann natürlich immer sein, dass einzelne Techniken in einer konkreten Einsatz-Situation nicht praktikabel sind; z.B. sollten beim Schriftdolmetschen in der Schule entgegen Pt. 2 auch Tippfehler korrigiert werden):

  1. Bei der Verwendung von Diktiersoftware (sprecherabhängiger Spracherkennung) den Text in Paketen von 3-5 Wörtern oder nach jedem Satzzeichen ausgeben und mit dem Co-Editieren im jeweils letzten Paket beginnen. 
  2. Bei der Verwendung der Tastatur-Methode keine Eigen-Korrektur von bloßen Tippfehler, da diese in der Regel überlesen werden und weniger mentale Last erzeugen als die Korrektur.
  3. Regelmäßig Absätze und Leerzeilen zwischen den Absätzen einfügen. Beim Schriftdolmetschen strukturieren Absätze den Text nicht semantisch, sondern visuell, und bieten der Leser*in Orientierungsanker im selbst-scrollenden Text. Kürzere Absätze ermöglichen Korrekturen und Ergänzungen mit wenig „Text-Wackeln“.
  4. Unkritische Fehler, die die Lesbarkeit beeinträchtigen, ohne den Inhalt zu verzerren, so unauffällig wie möglich korrigieren: einzelne Zeichen markieren und direkt übertippen, statt ganze Wörter rückwärts zu löschen und neu zu schreiben. In Einzelfällen, wenn das korrekte Wort maximal 2 Zeichen kürzer oder länger als das zu ersetzende Wort ist, das ganze Wort markieren und neu diktieren. 
  5. Unzuverlässige Textpassagen (mit unsicherer Schreibweise z.B. bei Namen oder möglicherweise falsch gehörten Wörtern) schon während der Produktion deutlich mit (?) markieren und beim Co-Editieren die korrekte Fassung mit (!) kennzeichnen.
  6. Auslassungen schon während der Produktion deutlich mit (…) markieren und beim Co-Editieren die Ergänzungen in die Klammer einfügen und mit „ADD“ kennzeichnen.
  7. Beim Co-Editieren inhaltliche Korrekturen in Klammern und mit dem Hinweis „CORR“ einfügen. Für orthografische Korrekturen wird „CORR“ nicht verwendet. 
  8. Bei der Eigen-Korrektur kleine und sehr kleine Fehler nur in Redepausen korrigieren. 
  9. Bei der Eigen-Korrektur inhaltliche Korrekturen in GROSSBUCHSTABEN einfügen.
  10. Auf Kleinst-Korrekturen zugunsten von Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit verzichten, wann immer die Lese-Routine der Nutzer*in das zulässt. 

Um Fehler im laufenden Text entsprechend bewerten und ohne Verzögerung die beste Korrekturtaktik ansetzen zu können, empfehlen wir Schriftdolmetscher*innen, sich mit dem WIRA-Modell für die Bewertung von Fehlern im Schriftdolmetschen vertraut zu machen.


Uns ist klar, dass vor allem die Punkte 5-10 von der derzeit gelebten und verbreiteten Berufspraxis abweichen. Weiterer Austausch im Kolleg*innen-Kreis, weitere Tests mit echten Nutzer*innen und schließlich die Übernahme in die Ausbildung sind nötig, um das Co-Dolmetschen als Schriftdolmetsch-Strategie zu etablieren und um die Stärken dieser Strategie voll ausnutzen zu können.

Wir freuen uns über Kommentare und auf eine rege Diskussion!


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